Qualitative Zeit mit betagten Personen -

Beitrag aus meinem Newsletter vom 12.06.2021

 

 

In den letzten Wochen habe ich sehr viel qualitative Zeit mit invaliden Seniorinnen und Senioren verbracht und mit Personen, die viel zu früh von einer schweren Krankheit getroffen wurden. Was ist qualitative Zeit überhaupt? In diesem Moment geht es ausschließlich um die Person, derentwegen ich gekommen bin. Wir plaudern, gehen spazieren oder einkaufen und verbringen einfach Zeit miteinander. Was hat mich die spezielle Erfahrung mit betagten Personen gelehrt, was hat sie mir gezeigt?

In erster Linie bin ich dadurch viel dankbarer geworden. Schließlich weiß man nie, ob und wann die eigene körperliche Aktivität eingeschränkt wird. Das kann natürlich genauso gut in jungen Jahren passieren. Das Leben ist nun mal endgültig und daraus ergibt sich wiederum der Reiz, es auszukosten, soweit man das möchte. Ich schreibe bewusst von „wollen“ und nicht von „können“, denn man hat es prinzipiell selbst in der Hand, was man aus seinem Dasein macht. Schließlich gibt es die Möglichkeit, etwas zu ändern, und wenn es nur die klitzekleinste Kleinigkeit ist. Zu entscheiden, etwas anders zu machen, gibt mir Kraft und stärkt mich innerlich. Denn damit kann mich niemand zu etwas zwingen, was ich nicht tun will.

 

Um wieder auf das Thema zurück zu kommen. Was hat mich der Besuch bei den betagten Personen gelehrt? Bei meinen bisherigen Kunden handelte es sich um verheiratete Menschen. Das hat mich über Beziehungen nachdenken lassen und wie sie in schwierigen Zeiten geprüft werden (können). Schließlich kann das Zusammensein lang- oder kurzfristig sein. Meiner Meinung nach ist es so: hat man sich für seinen Partner entschieden, steht man in der Verantwortung für ihn zu sorgen. Das hat nichts mit kompletter Selbstaufgabe zu tun, sondern damit zuzusehen, dass man demjenigen die bestmögliche Pflege zukommen lässt. Diese hat natürlich zahlreiche Facetten: den Körper zu reinigen oder in die Kleidung zu helfen, eine außenstehende Pflegekraft zu holen, einen Platz in einem Wohnheim zu finden, Geschichten zu lauschen, Fragen, die hundertmal gestellt werden, hundertmal zu beantworten, sich selbst auch mal eine Auszeit zu gönnen, damit man wieder voll für den bedürftigen Partner da sein kann oder sich selbst einzugestehen, dass man Hilfe von außen benötigt… All dies und noch mehr.

 

Ich sage nicht, dass es einfach ist oder alles eitle Wonne sein muss. Das Leben ist nicht dafür da, um uns ausschließlich auf Wolken zu tragen. Manchmal hält es uns auch einen Spiegel vor und wir müssen lernen unsere Licht- und unsere Schattenanteile zu erkennen. Es stellt uns Aufgaben und lässt uns an unseren Erfahrungen wachsen. Und es will, dass wir Entscheidungen treffen und mit den Konsequenzen leben. Jedes Mal.

 

Mit diesem Hintergrund begegne ich den älteren bzw. betagten Menschen mit viel mehr Ehrfurcht. Was sie schon alles erlebt und gelernt haben!

Mir ist bei allen eines aufgefallen: Trotz der einzelnen Schicksale haben sie sich nicht aufgegeben. Es wird gelacht; an Erinnerungen, auch wenn sie nur sporadisch abrufbar sind, festgehalten und aus tiefstem Herzen heraus berichtet; sich aufrichtig gefreut, eine Aufgabe zu haben, auch wenn sie noch so klein scheint (wie das Entgegennehmen der Zeitung, um sie dem Nachbarn nebenan zu bringen) und lächelnd den Arm eines fremden Menschen zu drücken, weil man dankbar für die gemeinsame Zeit zusammen ist. Ich könnte noch so viele Beispiele nennen.

 

Was auch immer mein eigenes Leben bringen mag, ob ich eines Tages nicht mehr sprechen oder gehen werde können oder meine Erinnerungen nicht mehr laufend vorhanden sein werden, so hoffe ich, dass ich mir ebenfalls meinen Humor, meine Liebe und meine Freude im Herzen bewahren werde können, so wie es diese inspirierenden Menschen tun.

 

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