Ich bin Angstreiter – na und?

 

 

Ich habe ehrlich gesagt nicht gewusst, wie ich diesen Artikel beginnen soll. Zuerst war mir danach, eine Revolution mit „Angstreiter aller Länder, vereinigt euch!“ anzuzetteln. Ich war emotional geladen, fühlte mich unverstanden und war extrem wütend. Ich entschied mich nach ein paar Stunden der Besonnenheit, für eine friedlichere Lösung. Und daher setze ich diesen Beitrag damit fort…

 

Dabei hatte alles so gut begonnen! Vor ein paar Wochen habe ich nach langem hin und her meinen ersten Reitunterreicht seit Äonen in einem Westernreitstall gebucht. Natürlich mit vorherigem langen E-Mail-Verkehr und entsprechendem Telefonat, wo ich bis ins kleinste Detail meine Situation geschildert habe. „Hallo! Ja, ich habe Angst beim Reiten, das heißt ich bin Angstreiter! Ja, ich habe trotzdem ein eigenes Pferd! Und Mentaltraining und zig Kurse über Bodenarbeit, Beziehungsarbeit, Angstbewältigung und Psychologie die letzten 6 Jahre absolviert. Ja, ich hatte auch ein paar Pferdetrainer und Reitlehrer da. Zum Schluss auch zwei Mitreiterinnen, die mir zeigten, wie brav mein Pferd sich während dem Reiten verhält. Ich bin selbst Pferdetrainer für Horsemanship. Ja das geht auch ohne selbst im Sattel zu sitzen! Und ja, ich bin auch selbstständiger Mentaltrainer! Nein, ich fürchte mich nicht vor Pferden, nur beim Reiten bekomme ich alle Zustände. Warum? Hat wohl mehr mit dem Rundherum als mit dem Pferd zu tun. Ja, ich möchte trotzdem Reitunterricht nehmen. Weil ich alles andere nun ausprobiert habe. Ich denke, es könnte jetzt klappen. Wenn nicht, dann sehen wir es eh! Ok, dann komm ich vorbei! Ok, super, danke!“ So betrat ich also den Reitstall, in dem ich noch einmal erzählte, warum ich reiten gehen möchte und fragte, ob sie sich vorstellen könnten, mir weiterzuhelfen. Schließlich ist ein Angstreiter trotzdem nicht Alltag. Jaja, kein Problem, hieß es da. Also vereinbarte ich die erste Reitstunde. Die verlief wirklich gut.

 

Ich fühlte mich sehr sicher. Nach der zweiten Reitstunde, die ich fast ausschließlich trabend absolvierte, war klar für mich, dass endlich alles glattgehen würde. Ich kaufte daraufhin einen 10er-Block und freute mich auf den weiteren Reitunterricht. In der dritten Reitstunde konnte ich auch endlich mal einen Parcours aus Stangen und so Dinge wie Bällevorhang durchreiten und sehen, wie toll so etwas im Sattel ist. Ich grinste über beide Ohren und fühlte mich richtig gut! Obwohl ich explizit auf Einzelunterricht bestanden hatte, wurde ich in der vierten Stunde in eine Gruppe gesteckt. Es sollte sich „nur um eine Sitzschulung“ handeln, insgesamt mit drei Reitern, drei Pferden in einem Roundpen mit meiner Reitlehrerin, sowie ihrer Mutter, die ebenfalls Unterricht erteilte. Ich bemerkte, wie eine der beiden anderen Reiterinnen sich fürchtete, kaum, dass wir auf unseren Pferden saßen. Sie hatte ihre Stute nicht unter Kontrolle, denn sie begann sich alle paar Meter zu drehen oder kam rossend auf meinen Wallach zu. Das machte mich nervös. Die Reiterin begann zu weinen, weil sie nicht verstand, was sie falsch machte.

 

Die ältere Reitlehrerin startete daraufhin eine militärisch anmutende Tirade: „Setze dich durch, aufrechter Sitz, Emotionen kontrollieren, stark sein, Emotionen kontrollieren, schau dir Reiterin A an, die sitzt locker und lächelt! usw.“ Und die Stimmung wurde immer angespannter. Wir sollten lostraben, doch ich hatte mich im Sattel verkrampft. Ich konnte mir nicht vorstellen, in dieser Konstellation zu reiten, nicht mal mehr im Schritt. Die eine Reiterin hatte ihr Pferd immer noch nicht unter Kontrolle und jedes Wort der Reitlehrerin bohrte sich in mein Hirn. „Wenn du das nicht kannst, such‘ dir ein anderes Hobby! Du MUSST, du MUSST, du MUSST! Warum weinst du? Marion, warum weinst du jetzt??!!“

 

Ich war völlig fertig. Ich fühlte mich zurückversetzt in die Vergangenheit, als wäre ich wieder ein kleines, hilfloses Kind, das von allen Seiten verspottet wurde. „Emotionen kontrollieren! Du hast keinen Grund zu plärren! Jetzt reite! Sei nicht so ein Schisser!“ Mein Wallach setzte sich in Bewegung, von alleine natürlich und folgte dem Pferd der Reiterin A, der Lächelnden mit dem tollen Sitz. Sie begann sich zu mir zu drehen. „Ja, was hast du denn? Warum hast du Angst? Was ist los?“ Ihr Grinsen schien immer breiter zu werden. „Vor WAS hast du bitte ANGST??“ Ich hörte mich „Ich weiß es nicht“ schluchzen. Die ältere Reitlehrerin erschien neben mir. „Emotionen müssen kontrolliert werden! Wenn wir jedes Mal losheulen würden wegen Kleinigkeiten, könnten wir nicht diesen Hof führen! Du musst dich durchbeißen! Keine Tränen! Sprich mir nach: Ich WILL reiten! Ich WILL! ICH WILL!“ Und so stammelte ich schluchzend „ich will“. Irgendwann durfte ich absteigen und führte beschämt mein Pferd in den Stall, wo ich es absattelte.

 

Ich weinte die ganze Zeit. Die Tirade wurde nachher noch fortgesetzt, als ich neben den Reiterinnen und den Reitlehrerinnen stand und mir die ältere von beiden weitere verständnislose Sätze an den Kopf warf. Mir liefen die Tränen hinunter und ich war ganz weit weg, während mich alle anstarrten. Ich machte mir kleinlaut noch eine Reitstunde aus, doch meine Freude war gebrochen. Ich hatte versagt und der ganze Tag war für mich wie eine Trauerfeier. Die nächste Reitstunde war wieder eine Einzelstunde, doch es war anders. Ich saß von Anfang an verkrampft im Sattel und jede Bewegung ließ mich erstarren oder zusammenzucken, obwohl mein Pferd brav war. Ich konnte gerade noch so im Schritt reiten. Meine Reitlehrerin, diesmal ohne ihrer Mutter, erklärte mir, dass sie sich nicht vorstellen könnte, mich weiter zu unterrichten. Ich sollte therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Die 5 übrigen Stunden vom 10er Block könne sie mir nur verlängern. Rückzahlung ausgeschlossen. Wegen der schwierigen Buchhaltung und so. Aber ich kann ja in einem halben Jahr wiederkommen.

 

Vielleicht hätte ich dann keine Angst mehr. Ansonsten laufen die halt aus. Ich ging geschlagen nach Hause. Ich war in meinen Grundfesten erschüttert und überlegte sogar, meine Selbstständigkeit an den Nagel zu hängen, Villis Sättel zu verkaufen und mit ihm nur mehr Bodenarbeit zu machen. Ich war mental und emotional so verletzt, dass ich mein Herzensbusiness und alles, was da dran hängt, aufgeben wollte. Nur wegen zwei Reitlehrerinnen und ihrem Unverständnis für Angstreiter. Ich wusste nicht mehr weiter und so habe einen Tag später ein Coaching bei meiner Mentorin Sandra Fencl gebucht und ihr meine Situation geschildert. Sie gab mir die Kraft zurück und zeigte mir, dass „Angst beim Reiten“ genau MEIN Thema ist. Denn nur wer diese Angst erlebt und selbst gefühlt hat, kann verstehen, wie das ist. Sie baute mich in über einer Stunde wieder auf und erinnerte mich an die vielen Werkzeuge, die ich in meinem Repertoire habe. Dass ich alles, was ich bräuchte, bereits in mir habe und in meinem Tempo vorangehen darf!

 

Ich habe also weder das Reiten, noch mein Pferd, noch mein Herzensbusiness aufgegeben.

 

Ich habe stattdessen meine Mission erweitert! Und so möchte ich nun dezidiert für Angstreiter da sein und sie begleiten auf ihrem Weg. Frei nach dem Zitat:

 

 

Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst. Es ist vielmehr die Entscheidung, die eigene Angst zu spüren, wahrzunehmen und dann dem Sog des wilden Lebens zu folgen – trotz Angst!

 

 

Abschließend möchte ich noch schreiben, dass ich den Reitlehrerinnen nicht böse bin. Sie wissen es nicht besser, denn sie kennen diese Angst nicht. Im Gegenteil, sie haben mir einen neuen Pfad gezeigt, mir eine neue Erfahrung mitgegeben, mit der ich bestimmt anderen künftig helfen kann. Und dafür bin ich ihnen äußerst dankbar!